Der Reisende

 

Der Reisende

 

Es geschah, dass ein Reisender durch die Wüste wanderte. Er wanderte jeden Tag und eines Tages war sein Wasservorrat leer. Er hatte auch nichts mehr zu essen. Er wusste, es war zu spät umzukehren und er wusste auch, der Weg zu seinem Ziel war jetzt nicht mehr weit. So entschloss er sich, weiter zu wandern. Der Weg wurde täglich beschwerlicher, die körperlichen Schmerzen wurden immer schlimmer. Die Einsamkeit war es jedoch, die ihm am schlimmsten vorkam.  So wandte er sich an Gott und fragte, warum er ihn so strafe. Gott antwortete, dass seine Seele wünschte, diese Erfahrung zu machen. Er wache aber über ihn und werde seinen Weg bis zu seinem Ende begleiten. Der Reisende wurde immer schwächer und in seinen Visionen sah er ein leuchtendes Portal vor sich. Es war nicht weit entfernt, doch er konnte es nicht erreichen, so sehr er es sich auch wünschte. Sein Leben zog an ihm vorbei. Es war ein mühseliges, karges und sehr einsames Leben, in dem das Geben vorherrschte. Niemals fand er seine Gefährtin, die er manchmal in seinen Träumen traf. Dunkle Gedanken wechselten sich mit lichtvollen ab. Da erschien ihm Luzifer und es war ihm, als sei er mit perfekten Flügeln versehen. Luzifer wandte sich an ihn. „Darf ich dir Wasser anbieten? Es ist frisch und wird dich retten.“ Der Reisende fühlte heißes Begehren nach diesem Wasser. Sein Mund war jedoch schon ausgetrocknet, seine Zunge schwer und geschwollen. Er wusste, es würde ihn retten. Aber er wusste auch, dass seine Reise ganz kurz vor dem Ende stand. Es fiel ihm sehr schwer zu denken. „Ach, Engel“ sagte er. „Ich danke dir. Ich weiß, du möchtest mir helfen.  Was ist dein Preis?“ Und Luzifer sprach: „Der eine Preis ist dein Leben. Ich werde es verlängern. Leider gibt es noch einen Preis.“ Luzifer schwieg. „So nenne mir doch den Preis“ dachte der Reisende. Er konnte nicht mehr sprechen, er war nun völlig ausgedörrt.  Luzifer blickte den Reisenden an, der mehr tot als lebendig war. Er bemerkte, dass die Kleider nicht mehr passten, sie waren viel zu groß und sehr schmutzig. Nur noch ein Schatten eines Menschen – aber was war das? Es schien ein Licht durch die Kleidungsstücke zu scheinen, was heller als die untergehende Sonne war.  „Reisender, was ist mir dir?“ Der Reisende hörte ihn nicht mehr. Er fühlte Licht, er fühlte Liebe. Die Stimme des Schöpfers sprach zu ihm: „Nun, mein Kind, bist du jetzt bereit?“ Der Reisende nickte innerlich. Der Schöpfer reichte ihm die Hand: „So komm jetzt wieder nach Hause, deine Aufgabe ist getan.“ Der Reisende fühlte, wie er sich plötzlich emporschwang. Er hatte nun keinen Durst mehr und er fühlte sich lebendiger als zuvor.  „Vielen Dank, du Engel“ sprach er zu Luzifer. „Du hast mir Hoffnung gegeben, als ich keine mehr hatte.“ Und schon im Wegschweben fragte er: „Was war denn eigentlich der andere Preis für das Wasser?“ Luzifer antwortete: „Der andere Preis war, dass du weiterleben musst. Obwohl es keine Hoffnung für dich gibt, das zu finden, was du suchst.“ Der Reisende fühlte so etwas wie einen Hauch Traurigkeit. „Noch eine letzte Frage, Luzifer. Warum wolltest du mir das antun?“ Luzifer wandte sich ab. „Ich bin der Lichtbringer, Reisender. Meine Aufgabe ist es, Licht zu bringen, wenn es dunkel wird. Aber es ist nicht meine Aufgabe, dir auf deinem Weg nach Hause zu helfen.“ Der Reisende lächelte. „Danke, Schöpfer. Bitte bringe mich nach Hause. Ich möchte Licht sein und leuchten. Meine Lebensenergie soll in so viele Stücke geteilt werden, wie es Sterne gibt. Und jedes kleinste Teilchen soll Wesen in tiefster Not den Weg nach Hause leuchten. Ich bitte dich, mich von allen anderen Aufgaben zu erlösen und mein Bewusstsein zu löschen.“

 

Der Schöpfer erfüllte ihm diesen Wunsch und der letzte Gedanke des Reisenden war ein Gedanke aus tiefem Frieden, bedingungsloser Liebe und sein Licht erstrahlte noch einmal erst in allen Regenbogenfarben und dann in reinstem und schillerndem Weiß den Himmel in schwarzer Nacht.

 

Dann war es still. Luzifer saß auf einem Felsen und blickte in den Himmel. Er spürte, wie der Gedanke an den Reisenden  gleich einem Tropfen Wasser auf dem heißen Wüstengrund verging.

 

 

 

©Monika Welsch 2018-09-26

 

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